Sylvia Canel MdB - Mitglied im Ausschuss für Bildung und Forschung

Aktuelles
28.05.2010

Bürgersprechstunde: Wohin entwickelt sich St. Pauli und was bedeutet Gentrifikation?

In Hamburg vor Ort
Die beiden Hamburger FDP-Bundestagsabgeordneten Sylvia Canel und Burkhard Müller-Sönksen wollten es genau wissen: Was steckt wirklich hinter dem in jüngster Zeit häufig in die Negativ-Schlagzeilen geratenen Begriff „Gentrifikation“?

Zu diesem Thema – am Beispiel des Bernhard-Nocht-Quartiers auf St.Pauli  -  hatten die beiden Bundestagsabgeordneten zu einer Informationsveranstaltung am 27. Mai 2010 in die „Kaffeerösterei“ in der Speicherstadt eingeladen. Besondere Brisanz bekam die Situation seit Sommer vergangenen Jahres in diesem Quartier mit dem Protest gegen das Sanierungsvorhaben eines soliden Hamburger Immobilieninvestors durch die dort ansässigen Mieter zwischen Bernhard-Nocht-Straße und Erichstraße. Die Mieter fürchteten eine Aufwertung ihres Quartiers und damit auch steigende Mieten nach der Sanierung. Nachdem der Investor den Bestandsmietern ein Bleiberecht bei einer durchschnittlichen Miete von 6,50 Euro pro Quadratmeter für die kommenden zehn Jahre zusagte, verebbte der Protest. Nur noch eine kleine Gruppe von vorwiegend nicht betroffenen Anwohnern des Quartiers widersetzte sich weiterhin lautstark dem Ansinnen des Investors. Schließlich trat diese Gruppe „no-bnq“ an die Investoren heran, das Quartier in der Gänze zu kaufen. Sie wollten dort ein neues Wohnmodell entwickeln, das sich an dem genossenschaftlichen Modell der gegenüber liegenden Hafenstraßenhäuser orientiert. Die Investoren ließen sich auf das Angebot ein, erbaten aber innerhalb einer gesetzten Frist ein tragfähiges Finanzierungskonzept. Diese Frist zur Generierung eines Betrages, der sich in Bereich von etwa zehn Millionen Euro bewegte, konnte von der Gruppe nicht eingehalten werden.

Parallel zur Gruppe „no-bnq“ hatte sich aber auch eine weitere Initiative in der Bernhard-Nocht-Straße gebildet, die sich ausdrücklich für eine Sanierung des Areals durch den Investor ausspricht.

Vertreter beider Gruppen waren zur Darstellung ihrer gegensätzlichen Positionen vor den beiden Bundestagsabgeordneten zur oben genannten Veranstaltung eingeladen. Leider nahm nur die Vertreterin der Sanierungsbefürworter, Karin Lang, dieses Angebot an. Die ebenfalls eingeladene  Sprecherin der Gruppe „no-bnq“, Margit Czenki, erschien an diesem Abend nicht. Daher versuchte man, deren Modell einer genossenschaftlichen Übernahme des Areals an Hand derer Publikationen darzustellen und dieses mit dem klassischen Investorenmodell zu vergleichen. Grundsätzlich wurde ein genossenschaftliches Modell von Seiten der Anwesenden und beider FDP-Bundestagsabgeordneten positiv bewertet. Dieses sei ein Modell, das alle Betroffenen mit ihren Genossenschaftsanteilen in das Eigentum mit einbeziehe.

Frau Lang äußerte aber für die Befürworterinitiative PRO-BNQ, dass nach Ansicht vieler Anwohner auch eine Ghettoisierung in dem Quartier mit einer „no-bnq“-Genossenschaft zu befürchten sei. Diese Genossenschaft hätte einen politischen Hintergrund ähnlich der Hafenstraße, und daher sei auch zu fürchten, dass sich dort nur die Klientel einer bestimmten politischen Richtung ansiedeln würde. Man könne die in der Bernhard-Nocht-Straße existierenden Hafenstraßenhäuser zwar mittlerweile tolerieren, einen nachbarschaftlichen Kontakt pflege man aber nicht. Sie betrachte die geplante Übernahme des Bernhard-Nocht-Quartiers – anders als bei anderen Genossenschaften – als eine „Ausweitung der Hafenstraßenszene“.

Insgesamt war es eine informative und sicher nachhaltige Bürgersprechstunde für die Bundestagsabgeordneten Sylvia Canel und Burkhard-Müller-Sönksen, die zu dem allgemeinen Ergebnis kam, dass gerade mit den bestehenden und sehr umsichtigen Investoren eine optimale Lösung gefunden sei. Diese werden in Kürze mit den Sanierungsarbeiten beginnen, da sie nach deren Auskunft auch ihren Mietern verpflichtet seien, die jetzt darauf warten, dass ihre Wohnungen in einen menschenwürdigen Zustand versetzt werden.

Einig war man sich auch darüber, dass man gerade im Fall des Bernhard-Nocht-Quartiers nicht von der typischen „Gentrifikation“ sprechen könne. Hier würden keine Mieter aus wirtschaftlichen Gründen vertrieben werden, wie es der  Begriff „Gentrifikation“ ausdrücke. Damit schloss man aber generell nicht aus, dass es solche Fälle gebe und dass man dieses im Blick behalten müsse. 


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